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  • Jolanda Giardiello

Der Choro

Aktualisiert: Nov 1

Das Wort "choro" bedeutet auf Portugiesisch wörtlich "Weinen, Jammern". Mit "Choro", oder mit dessen Verkleinerungsform "Chorinho", bezeichnet man ein Musikgenre, das hauptsächlich instrumental vorgetragen wird, aber auch gesungen werden kann. Seine Ursprünge liegen in Rio de Janeiro.


In seinen Anfängen bezeichnete der Begriff "choro" einen bestimmten Stil des Spielens. Der Choro entwickelte sich aus der Interpretation volkstümlicher Polkas, welche seit 1844 in Brasilien sehr beliebt waren. Die Cavaquinho-Spieler lernten diese Polkas meist aus dem Gehör. Danach führten sie das gelernte Stück dem Gitarristen vor und unterstützten ihn in den modulatorischen Passagen. Aus diesen Passagen entwickelten diese Instrumentalisten Übungen, die sich dann mit der Zeit zu Fingerspiele weiterentwickelten. Durch diese Übungen entstanden dann auch die fixe, modulatorische Schemen, die beim Chorinho typisch sind. Aus den Bassläufen erfolgte die Modulation meist in die tieferen Tonarten, so dass melancholische, fast "weinende" Melodien entstanden. Aus dem Weinen der Melodien soll der Begriff "choro" entstanden sein.


Die Hauptmerkmale des Choros sind das hohe Tempo, eine Melodie- und Rhythmusstruktur die auf Sechzehntel beruht und der charakteristische "suinge" (portugiesischer Begriff für "groove") des Sambas. Die Sechzehntel werden eben nicht einfach gerade gespielt, sondern in Bezug auf den Grundpuls betont und in charakteristischer Weise phrasiert. Die Improvisation über das Thema spielt auch eine wichtige Rolle. Ein klassischer Choro ist meistens dreiteilig komponiert, und moduliert durch jedes Teil in einer anderen, bzw. benachbarten Tonart.


Mit "chorões" wurden Ensembles bezeichnet, die um 1870 in Rio de Janeiro entstanden sind. Einer der frühsten und bekannten "chorões" wurde von Joaquim Antônio da Silva Callado (1848-1880) gegründet. Er ist der erste herausragende Flötist, der als wichtigster Gründer des Choros gilt. Er entwickelte die kleine Ensemble-Formationen mit einem Solisten, zwei Gitarren und einem Cavaquinho (kleine, viersaitige Gitarre). Seine Gruppe "Choro de Calado", benannt nach seinem Familiennamen, wurde sehr berühmt. Nach seinem Tod, übernahm die neue Generation, unter anderem auch die Pianistin und Komponistin Chiquinha Gonzaga (1847-1935) sein Erbe und entwickelte es weiter. Sie gehört zu den wichtigsten Komponistinnen des Choros und nimmt eine Sonderstellung in der Musikgeschichte Brasiliens ein. Ausserdem lag sie in jener Zeit wegen ihr selbstbestimmtes und unkonventionelles Leben als Frau weit ihrer Gesellschaft voran. 1877 wurde sie durch die Ausgabe ihres Stücks "Atraente" (1) berühmt:



Ab 1880 nahm der Choro an Bedeutung zu. Die Choro-Ensembles wurden meist für Tanzanlässe in den ärmeren Vierteln während der ganzen Nacht engagiert. Aus diesen Grund hatte der Chorinho bis in den 1930er Jahren einen schlechten Ruf. Im Allgemeinen bezeichnet "choro" ein städtisches Instrumental-Ensemble, bei dem ein Mitglied der Gruppe Solist ist. In der Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand eine typische Besetzung aus Cavaquinho, Flöte, Klarinette, Posaune, Gitarre sowie Perkussionen ("pandeiro", "tamborim", "prato e faca", einen Metallteller, der von einem Messer rhythmisch gerieben wird).

Im 20. Jahrhundert verband man den Begriff Choro mit anderen städtischen Tänzen von Brasilien wie Maxixe, Tango brasileiro und Samba. Ein wichtiger gemeinsamer Grundzug dieser Tänze ist der synkopierte, binäre Rhythmus. Im Weiteren unterscheiden sich diese Tänze vor allem in der Instrumental-Besetzung.

In den 1930er und 1940er Jahren trat die "velha guarda" (alte Garde) hervor, dessen Leader, Flötist, Saxophonist und Komponist Alfredo da Rocha Viana, heute vor allem als "Pixinguinha" bekannt, neue Wege in der Improvisation und in der Variation beim Choro einführte. Viele seiner Melodien gehören dem Standard-Repertoire des Choros an, darunter auch seine berühmte Choro-Lieder "Carinhoso" und "Lamentos".


Ab Mitte der 1930er Jahren verschwand der Choro fast vollständig, bis er in den 1950er Jahren allmählich wiederentdeckt wurde. Die ersten "roda de choro" (wörtlich "Choro-Rad", weil man in Form eines Rades, bzw. Kreises oder um einen Tisch sitzt) sind in jener Zeit entstanden. Es handelt sich dabei um ein Zusammentreffen von Musikern, die in einer Art Jam Session klassische Stücke vortragen.


Heute erlebt der Choro in Rio de Janeiro und São Paulo ein Wiederaufblühen und ist auch ausserhalb der Grenzen von Brasilien sehr beliebt.


Jolanda Giardiello


Quellennachweis

(1) Auszug aus der Partitur von Chiquinha Gonzagas "Atrahente", Gemeingut, http://objdigital.bn.br/acervo_digital/div_musica/mas579817/mas579817.pdf

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